Warum Internet wie die Luft zum Atmen ist

Du führst also dein Projekt weiter?“ fragt mich ein Kunde zu Beginn unseres Online-Meetings, nachdem ich kurz erläutert habe, dass ich nicht im Büro in Augsburg sitze, sondern in einem Co-Working Space in Neapel. Im Februar dieses Jahres habe ich mein Büro zum ersten Mal in ein anderes Land umgezogen. Drei Wochen lang habe ich in Lagos (Nigeria) im Wohnzimmer meiner Freundin mit wundervollem Blick aufs Meer gearbeitet. „Umziehen“ bedeutet in meinem Fall, meinen Laptop an einem anderen Ort als meinem Büro in Augsburg aufzuklappen.

Ich brauche zwei Dinge, um arbeiten zu können: meinen Laptop und eine stabile Internetverbindung!

Das klingt jetzt erst einmal nach wenig und irgendwie auch einfach. Aber wenn insbesondere Komponente Nummer zwei, das Internet, nicht ausreichend vorhanden ist, habe ich ein ziemlich großes Problem. Das Internet ist für mich, wie für viele heute, das Tor zur Außenwelt. Nur wenn ich eine Verbindung nach draußen habe, bin ich in der Lage, mit meinen Kollegen zu sprechen, auf all unsere Dateien zuzugreifen und Online-Meetings mit unseren Kunden abzuhalten. Seit unserer Gründung in 2005 arbeiten wir fast zu 100 Prozent papierlos. All unsere Dateien, von Broschüren über Angebote bis hin zu Rechnungen etc., liegen sicher in einer sicheren Cloud. Darum ist der Umzug meines Büros ja auch so einfach. Auch meine Kollegen sind – wie auch unsere Kunden – in ganz Deutschland und darüber hinaus verteilt. Um mich mit ihnen zu treffen, nutze ich ausschließlich Online-Meeting-Dienste. Ich finde diese Art zu arbeiten sehr angenehm, da ich so wenig Reisezeit habe und meine Kunden trotzdem sehr häufig spreche und sogar sehe. Obwohl das nur virtuell stattfindet, reicht es um ein gutes Gespür füreinander zu bekommen.

Endlich italienisch lernen

Von Anfang Juni bis Ende August waren mein Mann und ich in Neapel. Wir wollten den Sommer nutzen, um endlich Italienisch zu lernen und zu erleben, was es heißt in dieser unglaublich aufregenden Stadt zu wohnen, am täglichen Leben teilzuhaben, eine Bar zu finden, in der man uns kennt und uns mit unserem Gemüsehändler über das Wetter zu unterhalten. Uns war es wichtig, Teil des Lebens in der Stadt zu sein und keine "Zuschauer". Aus diesem Grund sollte das auch kein Urlaub sein, sondern ganz normaler Alltag mit Arbeiten, Einkaufen, Ausgehen, Putzen und was eben sonst noch so zum Leben dazugehört.

Wir hatten Glück und fanden eine tolle kleine Wohnung mit Blick auf den Vesuv. Die Besitzerin versicherte mir, dass das Internet super sei. Und sollte es einmal „spinnen“, müsse man einfach nur den Router aus- und einstecken. Allein diese Aussage verursachte mir schon vor unserer Abreise Bauchschmerzen. Wer denkt, Italien müsste internettechnisch besser aufgestellt sein als Lagos, täuscht sich. Die Bedingungen in Lagos waren großartig. Mobiles Internet ist dort wie Luft zum Atmen. Viele besitzen einen mobilen Router, den sie überall mit hinnehmen. Ist die SIM leer, kann sie online ganz einfach wieder aufgeladen werden. Nicht so in Italien...

Aus diesem Grund suchte ich bereits vor der Abreise nach Co-Working Spaces in Neapel. Bis auf zwei internationale Offices, in denen man auch stundenweise einen Schreibtisch mieten kann, fand ich damals nichts. Um für den Fall der Fälle vorbereitet zu sein, besorgten wir uns ebenfalls einen mobilen Router. Leider fanden wir keinen wirklich geeigneten Anbieter für unser Vorhaben, tatsächlich nur Daten zu nutzen.

Aller Anfang ist schwer

Unsere erste Woche in bella Napoli war, um es gelinde auszudrücken, eine Zerreißprobe für unsere Nerven. Es schien, als hätte der wohnungseigene Router keine Lust auf Arbeit, und unserem eigenen schien die Wärme nicht gut zu tun, denn er wollte sich gar nicht so recht mit dem italienischen Netz anfreunden. Vorsichtshalber hatte ich in dieser Woche keine Kundenmeetings angesetzt. Bereits unsere internen Meetings oder kurzen Absprachen glichen teilweise einem Austauschen von Morsecodes. Online-Meetings sind für alle Beteiligten extrem anstrengend, wenn man keine gute Verbindung hat.

Nach Tag zwei war uns klar, dass das keinesfalls so weitergehen konnte. Für mich war es der pure Stress zu wissen, dass das Internet vermutlich für Meetings nicht stabil genug ist und die anderen davon genervt sein könnten. Wir setzen also alles daran, ein Büro für uns zu finden. Co-Working ist in Süditalien noch kein wirklich bekanntes Konzept. Die meisten, denen wir erzählt haben, wo und wie wir arbeiten, fanden es zwar spannend, aber unvorstellbar. Das erklärt sicher auch die begrenzte Auswahl an Shared Offices in Neapel. Nach langem Suchen konnten wir dann doch noch eines ausfindig machen. Der Co-Working-Space re.work ist im Centro Directionale und war rund 45 Gehminuten von unserer Wohnung entfernt. Von da an machte ich mich täglich auf den Weg in mein Büro. Zu wissen, dass ich nun wieder stabil arbeiten konnte, erleichterte mich ungemein. Gleichzeitig schockierte mich die Erkenntnis, wie machtlos ich ohne Internet tatsächlich bin.

La Dolce Vita

Nach dieser ersten Woche waren alle Weichen gestellt, um die Zeit in Neapel in vollen Zügen genießen zu können. Während diesen Wochen stellte ich mir immer wieder kritisch die Frage, was dieses Format des Arbeitens mit mir macht, mit unseren Kunden und mit unserem Team. Beeinflusst es das Verhalten, die Performance und wenn ja, wie?

In den Gesprächen mit unseren Kunden wurde immer wieder deutlich, dass es keine Rolle spielt, ob ich jetzt in Augsburg, Lagos oder Napoli sitze und meine Online-Meetings durchführe. Auch für mein Team spielt es keine wirkliche Rolle, wo ich bin. Was sich vielleicht verstärkt, ist das Bedürfnis sich wenigstens via Videokonferenz zu sehen. Wichtig ist auch eine lückenlose Dokumentation.

Ich denke auf mich selbst hat diese Form des Arbeitens den größten Einfluss bzw. Auswirkungen und leider nicht nur positive. Gutes Internet ist ein großer Stressfaktor, den man nicht unterschätzen sollte. Herausfordernd fand ich es auch, eine gute Balance zwischen Arbeit und der gewünschten Freizeit zu gestalten. Mir wurde noch einmal deutlich, wie viel Eigenverantwortung nicht nur gegenüber dem Arbeitgeber, sondern auch gegenüber sich selbst notwendig ist, wenn man dezentral und immer wieder an neuen Orten arbeitet. Als wertvoll empfinde ich die vielfältige Inspiration, die ich aus den unterschiedlichen Arbeitsorten für mich mitnehmen konnte. Gerade der Co-Working Space in Neapel, in dem auch viele Menschen aus dem Bereich IT und Bildung angesiedelt waren, bot hiervon reichlich. Es ist toll aus dem Gewohnten herauszutreten und sich in einer neuen Umgebung, auch wenn es nur auf Zeit ist, neu kennenzulernen. Für mich war es motivierend, bereichernd und stärkend zu wissen, dass ich auch in für mich neuen Umgebungen lebens- und arbeitsfähig bin. Vieles von dem, was ich gelernt habe, fließt in meine Arbeit ein und wird daher auch Ghostthinker bereichern.

Perspektivenwechsel mit neuen Learnings

Ich bin sicher, dass wir das „Projekt“ auch in der Zukunft weiterführen werden, und freue mich auf viele weitere großartige Erlebnisse. Eines ist jedoch klar: Ich werde beim nächsten Projekt alles daransetzen, vorab zu klären, wo und wie ich an stabiles Internet komme.  

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Rebecca Gebler

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