Bildungsräume: Was ist das denn?

Wenn mich jemand noch vor acht Jahren gefragt hätte, was eigentlich ein „Bildungsraum“ ist, hätte ich ziemlich sicher geantwortet: „Ich denke dabei an Schule, Uni oder Weiterbildungsorganisationen.“ Mit dem Bildungsraum war für mich ein festes Gebäude, ein fixer Ort verbunden. In meinem bisherigen Verständnis war es so, dass ich irgendwo hinfahren musste, um Bildung zu „erhalten“. Interessant, oder? Heute, acht Jahre später, kann ich mir kaum mehr vorstellen, dass ich mich selbst so stark eingeschränkt habe. Mit Einschränkung meine ich vor allem räumliche und zeitliche Grenzen, aber auch mein Desinteresse an anderen Möglichkeiten, die es ja damals durchaus schon gegeben hätte. Vielleicht war es nicht nur Desinteresse, sondern auch Angst nicht ausreichend zu verstehen, was Lernen außerhalb dieses nach 13 Schuljahren und drei Jahren Bachelor Studium an der Universität mir doch so vertrauten Konstrukts bedeutet. 

 

Die Generation Y und ich

Ich gehöre zur sogenannten „Generation Y“, also dem Teil unserer Gesellschaft, die zwischen 1980 und 2000 geboren wurden. Wir, die wir uns in den 90ern und 2000ern im Kindes- und Jugendalter befanden, sind eine Art Zwischen-Generation. Im Gegensatz zur Generation Z, den „Digital Natives“, wie sie auch genannt werden, waren smarte Technologien nicht immer Bestandteil unseres Alltags. Wir sind die Generation, die auf der Welle des Wechsels zwischen analog und digital mitgeschwommen ist und die, die smarte, virtuelle Welt erstmal für sich entdecken musste. Und bei mir sah das so aus:

In meiner Schule gab es einen Computerraum, der entweder abgeschlossen oder besetzt war. Es gab einen Tageslichtprojektor und einen Beamer für das ganze Haus, den „Einwähl-Ton“ ins Internet, das Nokia 6310, SMS und Laptops, die so schwer waren, dass man damit jemanden hätte erschlagen können. An das alles kann ich mich noch gut erinnern. Als ich 2006 die Facharbeit für mein Abitur schrieb, „durften“ wir bereits Quellen aus dem Internet nennen. Aber alles wurde insbesondere von unserer Lehrerschaft mit großem Argwohn beobachtet. Bis ich also die Schule verließ, gab es für mich persönlich keinen anderen Bildungsraum als den physischen Ort Schule. Einen neuen Bildungsraum lernte ich erst an der Uni kennen. Um es gleich vorwegzunehmen: Wir waren keine Freunde! Für unsere Kurse mussten wir uns bereits über eine Plattform anmelden. Jedes Jahr ein Akt, der nicht nur bei mir zu jeder Menge Irritation und Ärger gegenüber der gesamten Organisation führte. Wenn einer unserer DozentInnen schon sehr fortschrittlich war, fanden wir die Skripte und weitere Unterlagen auf dieser Plattform. Ich kann mich auch daran erinnern, dass es Möglichkeiten zum Austausch in Form eines Forums gegeben hat, die wir aber nie nutzen, weil die Handhabung einfach unterirdisch war. Was ich damit sagen will:  Die Plattform war ein Medium, ein Raum, der bei uns Studis nicht wirklich Anklang fand. Aus heutiger Perspektive kann ich sagen, worin der Grund für die mangelnde Akzeptanz dieses neuen Bildungsraums lag: Neben der Tatsache, dass die Plattform rein visuell bereits kein Augenschmaus war, ermöglichte sie uns damals, abgesehen von der Forumsfunktion keine wirkliche Interaktion! Sie war starr und unübersichtlich. Das Suchen der Unterlagen dauerte länger, als selbst in die Bibliothek zu gehen und das Skript zu kopieren. Kurz: Für uns war der Mehrwert, den dieser virtuelle Lernraum uns hätte bringen sollen, nicht erlebbar, ganz zu schweigen von einer Art „Bildungserlebnis“.

 

Von der Plattform zum Bildungsraum

Was ist also in den letzten acht Jahren passiert, dass ich heute eine begeisterte Befürworterin digitaler Bildungsräume bin? Was ist das überhaupt, ein „virtueller Bildungsraum“?

Ich habe verstanden und vor allem selbst erlebt, dass virtuelle Bildungsräume diesen Anspruch, nämlich Bildung zu ermöglichen, zu befördern, sehr wohl erfüllen können. Mein Masterstudium war als Blended-Learning-Studiengang konzipiert. Das bedeutet, unsere Präsenzveranstaltungen wurden mit Online-Lerneinheiten gemischt. Interessanterweise wäre dieses Studium für mich vermutlich ohne diese gemischte Form nicht interessant oder denkbar gewesen, denn ich hatte einen tollen Job, den ich nicht aufgeben wollte. Alle zwei Monate fuhr ich also für eine Woche oder ein verlängertes Wochenende an die Uni. Zwischen diesen Zeiten lernte ich gemeinsam mit meinen KommilitonInnen über eine Online-Lernumgebung. Wir erhielten unsere Unterlagen und vor- bzw. nachbereitende Aufgaben für unsere einzelnen Module. Unsere DozentInnen waren über die verschiedenen Kommunikationskanäle der Online-Umgebung erreichbar. Was mir damals aber fehlte war eine tatsächlich gelebte Interaktion zwischen uns TeilnehmerInnen auf virtueller Ebene!

Meine Begeisterung für die Erweiterung durch die Online-Lernwelt stieg rasant an, als ich für neun Monate ein Arbeitsprojekt in Afrika organisierte. Trotz einer Distanz von mehr als 10.000 km zwischen meiner Uni und mir lief mein Studium weiter! Wie? Indem ich via Skype an den Präsenzsitzungen teilnahm. Ich bekam einen Sonderplatz in der ersten Reihe und „streamte“ meine Vorlesung live in mein Zimmer in Lagos (Nigeria). Ha! Wahnsinn, oder? Freilich war mir 2012 das Format „Webinar“ noch kein Begriff, obwohl ich das Format bereits aktiv lebte.

Durch den Einsatz dieser digitalen Medien studierte ich vollkommen befreit von räumlichen und zeitlichen Grenzen. Gerade in Anbetracht der Zeitverschiebung ideal. Diese Loslösung ist aus dem „Fernstudium“ schon bekannt. Der Unterschied jedoch war, dass ich nicht alleine vor mich hin studierte, sondern mit KommilitonInnen und ProfessorInnen in einem regelmäßigen asynchronen und zeitsynchronen Austausch war. Und das  trotz räumlicher Distanz! Dieser via Skype vermittelte „Kontakt“ war und ist für mich elementarer Bestandteil eines Bildungsprozesses. Formale Bildung braucht emotionale Komponenten wie Gruppendynamik, Spirit, Mimik und Gestik, Vertrauen und das Wichtigste – Freude. Alles Elemente, die durch das klassische Fernlernen nicht so gut oder gar nicht zustande kommen.

Als ich 2014 begann bei der Ghostthinker GmbH zu arbeiten, war mir folglich das Format „Blended Learning“ aus dem Studium bekannt. Dass es hier jedoch verschiedene Spielarten gibt und entsprechend auch noch viele weitere Medien und Methoden eingesetzt werden können, war wieder eine neue Erkenntnis. Ich wurde in eine Welt gespült, in der das Medium Video im Zentrum steht und vielfältig eingesetzt wird: zur Vermittlung von Inhalten, zur Zusammenarbeit, zur Entwicklung von Ideen, zur Reflexion und vielem mehr. Die von Ghostthinker entwickelte Online-Lernumgebung edubreak® und die Methode Social Video Learning wurden bald „mein täglich Brot“.

 

Video: Von der Einbahnstraße zum Dialograum

Das Medium Video fand ich schon immer sehr interessant, weil es meinem intuitiven und visuellen Lerntyp entspricht. Youtube ist für so viele Dinge mein bester Freund. Ich muss nicht lesen sondern zuschauen und zuhören! Ich sehe z.B. bei Erklärvideos, wie die Dinge funktionieren sollen oder können. Dies gilt für meine Hobbies genauso wie für mein Arbeitsleben. Ein gutes Beispiel sind die unzähligen Funktionen in Photoshop. Wenn ich wieder einmal vergessen habe, wie etwas funktioniert, hilft mir eines der zahlreichen Tutorials weiter. Wie gesagt, Video per se ist spitze, aber was passiert, wenn ich eine Frage zu einem der Videos habe? Wenn ich mutig bin, poste ich sie öffentlich unter das Video und bekomme mit ganz viel Glück auf meinen Kommentar eine Antwort.  Doch so wirklich gut funktioniert das selten. Bei Ghostthinker lernte ich bald eine ganz neue Form des Video-Lernens kennen.

Es gehört zur Ghostthinker-Philosophie im Rahmen unserer internen Qualitätsentwicklung und unserer Wissensmanagementprozesse auch edubreak® einzusetzen. Es geht es darum, eigene Videos aus dem Arbeitskontext aufzunehmen, z.B. einen Flipchartvortrag filmen oder ein Screenvideo aufzuzeichnen. Mich und mein Handeln auf Video aufnehmen? Für mich bis dahin undenkbar! Zuerst sah ich vor allem eines: lauter Fehler und Dinge, die ich viel besser machen müsste. Was ich nicht sah, war das Potential, mein Handeln anders zu organisieren oder einfach besser zu machen. Und das war das wertvollste, das dieser neue Bildungsraum mir eröffnete: Die Möglichkeit meine eigene Entwicklung kontinuierlich einzufangen, Potenziale und auch „blinde Flecken“ zu entdecken und daran zu arbeiten. Heute ist es für mich kein Problem mehr, die Einführungsvideos für unsere edubreak® Academy (Rebecca vor der Kamera!) aufzunehmen, kompetent Interviews zu führen oder vor einer Gruppe zu sprechen. Durch die Arbeit mit Social Video Learning, das vertrauensvolle und gezielte Feedback meiner KollegInnen bei Ghostthinker und anderer Personen, denen ich vertraue, bin ich einfach relativ rasch besser geworden.

Kurz: Durch die Nutzung eines virtuellen Lern- und Bildungsraums, insbesondere durch den Einsatz von Video (Social Video Learning), löse ich viele Probleme meiner aktuellen Tätigkeit als Leiterin der Marketing und Salesabteilung leichter, praktischer und vielleicht auch mit mehr Freude. Was die persönliche Bildung betrifft: Durch den selbstreflexiven Einsatz von Video und den Kommentaren meiner KollegenInnen bin ich an vielen Stellen mit mir selbst konfrontiert worden: mit meiner Sprache, der Art, WIE ich Probleme löse und WIE ich mit anderen Menschen umgehe. Und ja, hier findet „deep learning“ statt. Obschon dieser Weg oft kein Spaziergang ist – dieser neue Bildungsraum ermöglicht mir eine ganz gezielte und persönliche (Weiter-) Bildung die ich so in der Form in meinem alten Bildungsraumverständnis nicht gefunden hätte.

Über die AutorIn

Bild des Benutzers Rebecca Gebler

Rebecca Gebler

0 Kommentare

Schreiben Sie ein Kommentar

Scroll To Top